Mit Hilfe von Kreis, Dreieck und Viereck (im Japanischen wird von rechts nach links geschrieben und gelesen) versuchte der japan. Zen-Meister Sengai Gibon die Essenz des Zen zu veranschaulichen. Gängigerweise werden diese drei Figuren kosmologisch als Himmel, Mensch und Erde, anthropologisch als Geist, Seele und Körper interpretiert. Auch Morihei Ueshiba, der Begründer des Aikidô, griff in seiner Lehre von ichirei sangen shikon - „ein Geist, drei Quellen, vier elementare Seelenkräfte“ - auf diese symbolische Darstellung zurück. Dabei steht der Kreis für die ursprüngliche Einheit und allumfassende Ganzheit („Himmel“). „Ichirei“ wäre deshalb zutreffender als „Ein-Geist“ i.S.v. „Ursprungs-Geist“ zu übersetzen im Unterschied zum intellektuellen, mentalen, kognitiven „Geist“. Die Symbolik des Dreiecks, der drei „Quellen der inneren Kraft“ (so der entsprechende Titel meines Buches), kommt durch folgenden Weg-Spruch (japan. Dôka) des Aikidô zum Ausdruck:

 

Der Geist ist die lenkende Kraft,

der Körper die ausführende Tat;

die Seele vereint beide.

 

Häufig werden aber auch zwei sich überlappende Dreiecke verwendet, eines mit der Spitze nach unten und eines mit der Spitze nach oben. Das Dreieck mit der Spitze nach unten symbolisiert hierbei eine „aus der Tiefe in die Weite“ und umgekehrt verlaufende Dynamik, das Dreieck mit der Spitze nach oben eine „aus der Höhe in die Breite“ und umgekehrt verlaufende Dynamik. Ein anderes, anschauliches Symbol hierfür ist der (Lebens)Baum mit seinen zwischen der Krone und den Wurzeln über den Stamm auf- und absteigenden (Lebens)Säften. Diese beiden einander durchdringenden Dreiecke symbolisieren somit jene polare Gegensatzspannung (Yin-Yang), in der sich das menschliche (Er)Leben entfaltet und die als widersprüchlich und unvereinbar, zwiepältig und konfliktträchtig oder aber auch als sich ergänzend und miteinander vereinbar erlebt und gelebt werden kann.

 

Damit sind wir im Grunde bereits bei der doppelten Polarität der vier elementaren Seelenkräfte „Feuer-Wasser, Erde-Luft“ angelangt, die wir auch aus der griechisch-westlichen Tradition kennen und die durch das Viereck symbolisiert wird. Es verweist zugleich auf das Prinzip der Ausrichtung: bezogen auf unser leibliches Dasein sind das die vier Richtungen vorne und hinten, rechts und links, geozentrisch die vier Himmelsrichtungen. Die interne Achsenstruktur eines Vierecks bildet ein Kreuz; stellt man sich das Kreuz vertikal aufgerichtet vor, dann symbolisiert es zugleich die vertikale Aufrichtung/Erdung des Menschen in Verbindung mit seiner horizontalen Ausrichtung. Beachtenswert ist m.E. hierbei, dass jede dieser Figuren – Kreis, Dreieck und Viereck/Kreuz – eine Mitte, ein Zentrum aufweist. Dies verweist auf das Übungsprinzip der Zentrierung. Erdung und Aufrichtung, Zentrierung und Ausrichtung sind deshalb die fundamentalen Übungsaspekte aller am Aiki-Institut angebotenen Übungswege.

 

Letztlich geht es um die alte Problemstellung der Quadratur des Kreises, mit dem sich die Alchemisten ebenso herumgeschlagen haben wie die Mathematiker. Sie ist wohl logisch nicht zu lösen, jedoch psychologisch uns als Entwicklungsaufgabe mitgegeben, symbolisiert durch das Mandala. Dies soll auch in unserem Instituts-Logo zum Ausdruck kommen: Es zeigt, wie die Spitzen der beiden sich durchdringenden Dreiecke, der drei „Quellen der inneren Kraft“, die Begrenzungen des elementar Irdischen (Viereck) überschreiten/„transzendieren“ und den „Einen Geist“ (Kreis) berühren – so wie der Baum über die Krone und die Wurzeln bereits sich selbst überschreitet. Voraussetzung hierfür ist, dass die Zentren aller Figuren in einer gemeinsamen Mitte zur Deckung kommen. Bei dieser Entwicklungsaufgabe des Menschen unterstützen uns alle Übungswege, die am Aiki-Institut angeboten werden.

 

Auch unser Dôjo, der Übungsraum, besitzt eine Mandalastruktur. Die Seite gegenüber dem Eingang ist traditionell (und auch bei uns) nach Osten, zur aufgehenden Sonne ausgerichtet. Dort steht eine Buddha-Figur. Die Eingangsseite selbst liegt im Westen und ist die Schülerseite, rechts davon im Süden die Lehrerseite. Die Wand im Norden bleibt leer: Sie steht für den erwähnten „Einen Geist“ (ichirei). Der Weg führt also von West über Süd nach Ost und schließlich Nord, also vom Üben (Tun) über die Lehre (Verstehen) zur Leere (Buddha-Natur, „Ein-Geist“). Das Dojô ist somit keine Sport- oder Gymnastikhalle, sondern ein Ort (jo) zum Üben des Weges (), also ein Ort der spirituellen Übung.