Übung als existenzielle Praxis

 

Die indogerman. Wurzel op- bedeutete „errichten, ausführen“ von Feldarbeit und rituellen Handlungen. Das findet sich wieder im germanischen ôb, „den Boden bearbeiten/bereiten“ und „eine kultische/religiöse Handlung begehen“. Ab dem Althoch-deutschen finden wird dann uoben (üeben)  im Sinne von „etwas wiederholt zur Pflege treiben, hegen, pflegen; ausüben, ins Werk setzen; beständig gebrauchen; verehren, einen Festtag begehen.“ Der Begriff der Übung  im Sinne einer existenziellen Praxis steht somit in dem Spannungsfeld von spontanen Ausdrucks-handlungen, profanen Zweckhandlungen und sakralen Kult-handlungen. Der Boden, der zu bearbeiten/bereiten ist, sind in diesem Falle wir selbst.

Bereits im antiken Griechenland stand die Übung im Dienste der Lebenskunst. Übung (askesis) wurde als wesentlicher Bestandteil des Lernens und eines gelingenden Lebens (eudaimonia). Wissen (episteme; theoretisches Erkenntnis-vermögen) oder Kunstfertigkeit (techne; Technik) ohne Übung galten als sinn- und nutzlos, denn erst die Übung vermittelt praktisches Erfahrungsvermögen. Erst das, was im Umgang mit… angeeignet ist, also erst das, was praktisch ergriffen ist, ist begriffen.  Übung vermittelt Erfahrung und Einsicht; erfahrungsgegründete Einsicht beruht auf Übung. Hier setzt die Übung als existenzielle Praxis an.

Im Unterschied zur pragmatischen Übung, deren Ziel die (Um-) Gestaltung der Welt ist, ist das Ziel der  Übung als existenzielle Praxis nicht eine bestimmte äußere Fertigkeit, sondern in erster Linie eine bestimmte innere Verfassung zu erlangen: „Es kommt nicht darauf an, was beim Üben herauskommt, sondern vielmehr, was durch das Üben in den Menschen hineinkommt.“ (Dürckheim) Man übt also primär um der Rückwirkung auf den übenden Menschen willen. Übung als existenzielle Praxis steht somit im Dienste der Selbstgestaltung, denn der Mensch kann sich nicht per Vorsatz direkt ändern, wohl aber indirekt über ein bestimmtes, engagiertes Tun. Eine existenzielle Praxis  ist  erfahrungs- und entwicklungsorientiert. Weitere Merkmale der Übung als existenzielle Praxis sind:

  • Ständige Wiederholung desselben, denn das Können muss stets durch Üben erneuert (stabilisiert) werden. Diese stetige Wiederholung führt zu einer zunehmenden Automatisierung. Dadurch wird die Aufmerksamkeit frei für die noch nicht gekonnten, subtileren Aspekte der Übung. Die Gefahr ist hierbei jedoch, das mit der Automatisierung eine zunehmende Mechanisierung (Teilnahmslosigkeit) eintritt. Um dem vorzubeugen, muss die Übung eine gewisse Variabilität ermöglichen.

     

  • Der „Fortschritt“ in der Übung geht einher mit inneren Widerständen, denen man sich stellen muss (als da wären Langeweile, Zweifel usw.); der Umgang damit ist wiederum ein wesentlicher Teil der Übung.

 

  • Üben fordert und fördert Willensstärke (Durchhalte-vermögen) und Konzentration. Dabei kommt es darauf an, das rechte Maß von Tun und Lassen, von Engagement, Anstrengung, Anspannung und Gelassenheit, Gelöstheit zu finden.

 

 

  • Die Übung stellt ja eine selbstgewählte Aufgabe dar. Der Begriff der „Aufgabe“ umfasst zweierlei: Zum einen erfordert sie ein Stück Selbstaufgabe im Sinne von sich-darauf-einlassen. Zum anderen bin in der Übungsaufgabe ich mir selbst aufgegeben, denn das Gelingen des auszuübenden Tuns hängt in erster Linie von meiner inneren, seelisch-geistigen Verfassung ab, welche das eigentliche Anliegen der Übung als existenzielle Praxis ist.

     

  • Ein weiteres Anliegen der Übung als existenzielle Praxis ist die Wandlung von einer außengeleiteten und fremdbestimmten (heteronomen) zu einer innengeleiteten und selbstbestimmten (autonomen) Einstellung/Haltung und Lebensweise.

     

  • Eine so verstandene Übung endet nicht mit dem Erreichen eines bestimmten Fertigkeit (wie bei der pragmatischen Übung), sondern die im Üben erlangte innere Verfassung kann nur im beständigen, lebenslangen Üben bewahrt werden.

     

  • Übung als existenzielle Praxis ist nicht Selbstzweck, sondern auf das ernsthafte Leben bezogen. Das Sich-herausnehmen aus der Alltagsroutine und das Dojo als Übungsort sind dafür da, um die innere Verfassung zu erneuern bzw. zu bewahren. Die durch die Übung erlangte innere Verfassung jedoch muss „alltagstauglich“ sein, d.h. sich im Alltag bewähren. Dies verlangt, auch den Alltag zum Übungsfeld machen (japan. hobe kore dojo).

 

© Winfried Wagner 2019